Histaminunverträglichkeit: Was hilft wirklich?

27. April 2016

Histaminunverträglichkeit was hilft wirklich

Nach einem schönen Abendessen beim Italiener wird die Stimmung plötzlich getrübt von akuten Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit. Wem das bekannt vorkommt, der leidet möglicherweise an einer noch relativ unbekannten Krankheit: Histaminintoleranz (Histaminose). Was genau sich hinter diesem Begriff verbirgt und warum die Symptome so diffus sind, lässt sich schwerlich auf die Schnelle erklären. Nach einer kurzen Einführung in das Thema soll es hier daher vor allem um eine Frage gehen: Was hilft wirklich bei Histaminunverträglichkeit? Wie habe ich es geschafft, heute symptomfrei zu leben?

Unbekannte Krankheit Histaminunverträglichkeit: Symptome und Diagnose

Was ist Histamin?

Histamin ist ein Gewebshormon bzw. Neurotransmitter, der im Körper natürlicherweise vorkommt. Der Botenstoff Histamin ist wichtig für das zentrale Nervensystem, die Verdauung und ein funktionstüchtiges Immunsystem. Histamin ist z.B. auch an einer allergischen Reaktion beteiligt.


Was ist eine Histaminunverträglichkeit?

Von einer Histaminintoleranz spricht man, wenn der Körper (vorübergehend) nicht (mehr) in der Lage ist, freigesetztes oder von außen zugeführtes Histamin schnell genug abzubauen, weil nicht ausreichend Enzyme zur Verfügung stehen. Durch den erhöhten Histaminspiegel im Blut werden zahlreiche Körperfunktionen beeinträchtigt, ähnlich der Reaktion bei einer Allergie, aber weitaus weitreichender und langwieriger. Wer diesen Zustand nicht kennt, kann sich am besten einen ganz schlimmen Kater nach einer durchzechten Nacht vorstellen. Auch, wer schon einmal eine Fischvergiftung hatte, kennt die Verfassung, in der sich Betroffene befinden. Denn in verdorbenem Fisch ist eine so hohe Menge Histamin, dass selbst ein gesunder Darm sie nicht schnell genug abbauen kann. Das Histamin geht in die Blutbahn über und verursacht vielzählige Symptome.

Welche Symptome können auftreten?

Die Symptome sind so vielfältig wie die Orte, wo Histamin im Körper tätig werden kann. Nur weil ein Symptom nicht auf der Liste steht, kann es trotzdem damit in Zusammenhang stehen:

  • Anschwellende Schleimhäute in Nase und Hals, triefende Nase, Niesen, Husten­reiz, Atem­be­schwer­den, Halsschmerzen
  • Verdauungsprobleme wie Bauchkrämpfe, Durchfall, Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen, Blähungen oder Sod­bren­nen
  • starker Juckreiz, Ekzeme, Hautausschlag, Hautrötungen, Nesselsucht
  • Hitzegefühl, Schweiß­ausbrüche, gestörtes Tempera­tur­emp­fin­den
  • Herzrasen, starkes Herzklopfen, Bluthochdruck, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen
  • Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Migräne
  • extreme Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Schlafstörungen
  • Menstruationsstörungen und -beschwerden
  • Wasseransammlungen (Ödeme), Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen
  • Nervosität, Lustlosigkeit, depressive Verstimmungen
  • Blasenentzündung, Harnröhrenentzündung

Die Symptome treten bei manchen Menschen unmittelbar, d.h. 30-40 Minuten nach dem Verzehr der histaminhaltigen Lebensmitteln auf. Typischerweise äußert sich die “Überdosis” mit Rötungen im Gesicht, Durchfall und Bauchschmerzen. Bei manchen Betroffenen dauert es einige Stunden, bei anderen einen kompletten Tag, bis sich die Symptome zeigen. Auch bis Linderung eintritt, kann es einige Zeit dauern. In meinem Fall dauerte es 1-2 Tage, bis ich das Histamin im Körper zu spüren bekam und genauso lange, bis ich mich besser fühlte.

Wer stellt eine Histaminunverträglichkeit fest?

Entprechende Tests im Labor anfordern kann eigentlich jeder niedergelassene Arzt – sofern man ihn dazu überreden kann. Denn viele Ärzte wissen leider nach wie vor nichts von der Diagnose und fühlen sich überrumpelt, wenn man mit dem Wunsch nach einem Test kommt. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür aber ohnehin nicht und so kann sich ein wenig Hartnäckigkeit schon bezahlt machen.

Grundsätzlich gibt es einen Bluttest und einen Test der Darmflora in einer Stuhlprobe. Sinnvoll ist eine Kombination beider, meist wird aber erst einmal der Bluttest angeordnet. Festgestellt werden kann nicht der der DAO-Spiegel per se, sondern das Abbauprodukt von Histamin (Methylhistamin). Allerdings kann dieses je nach vorangegangener Diät stark schwanken. D.h. wer schon eine Weile eine histaminarme Diät verfolgt, wird vermutlich einen recht niedrigen Wert haben, weil kaum Histamin aus der Nahrung abgebaut wurde.

Aussagekräftiger ist, nach einer mindestens 2-wöchigen Eliminationsdiät oder Kartoffel-Reis-Diät die Toleranzsschwelle zu ermitteln.

Histamin in Lebensmitteln- Was darf ich (nicht) essen?

Nahrungsmittel

Was genau du als Betroffener noch essen kannst, kannst nur du selbst bestimmen. Es gibt einige Lebensmittel, die nachgewiesenermaßen einen wahnsinnig hohen Histaminwert haben. Andere werden von manchen vertragen, von anderen wiederum gar nicht. Auch gilt bei Histamin, anders als bei einer Allergie, die Dosis macht das Gift, d.h. je mehr Histamin sich in der Blutbahn befindet, desto stärker äußern sich die Symptome. Daher ist es wichtig, vor dem Verzehr “gefährlicher” Lebensmittel auf seinen Körper zu achten. Irgendwann lernt man, zu entscheiden, ob man ihm noch etwas zumuten kann, oder ob das das Fass zum Überlaufen brächte. Einen ersten Überblick über Nahrungsmittel findet ihr z.B. hier.


Fisch HIstamin
Fisch enthält in der Regel sehr viel Histamin. Problemlos essen können Betroffene ihn dann, wenn gleich nach dem Fangen der Kopf entfernt und dann die Kühlkette eingehalten wurde. Die hohe Menge an Histamin wird nämlich nach dem Tod des Fisches durch Bakterien in dessen Kiemen gebildet.

Nicht in allen Nahrungsmitteln, die auf der “roten Liste” stehen, ist viel Histamin enthalten. Manche haben, wie auch bestimmte Medikamente, Wirkstoffe, die Histamin aus den Mastzellen freisetzen. Wieder andere enthalten Stoffe, die durch dieselben Enzyme wie Histamin abgebaut werden und so den Histaminabbau behindern.

Alkohol und andere Getränke

Alkohol ist grundsätzlich schwierig. Nicht nur haben Bier und Wein durch den Gährungs- bzw. Reifeprozess oft viel Histamin, Alkohol ist außerdem ein Histaminliberator, hemmt außerdem den Stoffwechsel, macht die Darmwand durchlässiger und schwächt den Körper allgemein, was zu einer Verstärkung der Symptomatik führt. Wer trotzdem unbedingt mal wieder Alkohol trinken möchte, der sollte am besten auf destillierte Arten ausweichen: Vodka, weißer Rum, Gin oder Whiskey sind oft am wenigsten schädlich.

Softdrinks und Säfte enthalten oft Histamin oder Histaminliberatoren und sollten deshalb am besten komplett gemieden werden. Stilles Wasser oder Tees sind ein sicherer Hafen für HIT-Patienten – und übrigens auch für alle anderen Menschen die gesündeste Wahl. Auch Kaffee wird nicht von allen problemlos vertragen.

Histaminunverträglichkeit: Was kann ich tun?

Gibt es Medikamente, die helfen können?

Es gibt grundsätzlich keine Medikamente, die eine Histaminintoleranz heilen können. Allerdings gibt es Hilfsmittel, die das Leben mit der Enzymschwäche erleichtern können. Zunächst kann man die körpereigenen Enzyme durch das Zuführen fremder DAO-Enzyme unterstützen. Das Medikament DAOsin enthält Enzyme aus Schweinedärmen, die schon im Magen anfangen, das Histamin aus der Nahrung aufzuspalten. Allerdings werden auch diese irgendwann vom Körper als Fremdstoffe erkannt und zersetzt. Deshalb erfolgt bei vielen auch eine Art Gewöhnungseffekt – damit das Medikament effektiv bleibt, sollte es nur in Ausnahmefällen eingenommen werden, sonst bleibt die Wirkung irgendwann aus.

Auch für den Zustand, den ich oben als ähnlich einem Alkohol-Kater beschrieben habe, gibt es Unterstützung: Histaminblocker bzw. Antihistaminika. Eigentlich sind diese Medikamente für Allergiker entwickelt worden, sie hemmen eine Reaktion des Körpers auf einen allergenen Stoff. Auch bei einer allergischen Reaktion wird körpereigenes Histamin ausgeschüttet, deshalb kann ein Histaminblocker auch bei einem erhöhten Histaminpegel durch Nahrungsmittel oder Histaminausschüttung aus anderen Gründen helfen. Dazu werden die Histaminrezeptoren im Körper blockiert – das Histamin wird dadurch zwar nicht schneller abgebaut, allerdings müssen wir die Wirkung nicht ertragen.

Was hilft wirklich bei Histaminintoleranz?

Schließlich komme ich zur eigentlich entscheidenden Frage: Was kann man tun, außer bestimmte Nahrungsmittel zu meiden, wenn man von der Diagnose HIT betroffen ist? Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass ein Enzymmangel nicht als isolierter Zustand betrachtet werden kann. Natürlich gibt es Menschen, die eine natürliche Disposition, d.h. genetische Veranlagung für Verdauungsstörungen wie die Histaminintoleranz mitbringen. In der Regel wird das Auftreten der Problematik aber bei allen Menschen ausgelöst durch andere Erkrankungen oder einen schwachen Allgemeinzustand des Körpers. Wer also denkt, mit der Diagnose “Histaminunverträglichkeit” sei der Weg beendet und er müsse nun ‘nur’ die entsprechenden Nahrungsmittel meiden, um eine Besserung zu erzielen, der irrt sich.

Allerdings gibt es immer eine Ursache für das auftreten der Histaminintoleranz. Die am häufigsten angenommene Ursache ist eine Fehlbesiedelung der Darmflora. Die Gründe dafür können vielfältig sein und reichen von falschen Lebenswandel, zu viel Stress bis zur Einnahme von Antibiotika oder einer Autoimmunerkrankung. Meiner Meinung nach weist eine derarte Verschlechterung der Darmgesundheit uns meistens auf einen Fehler im Lebensstil hin: zu viel Stress, zu wenig Ruhepausen, dauerhafte psychische Belastung, zu viel Umweltgifte, Alkohol, Zigaretten oder anderes. Unser empfindliches System Körper ist aus dem Gleichgewicht geraten und das äußert sich nun auf diese Weise.

Es gilt also, die krank machenden Faktoren im eigenen Leben zu erkennen und zu verbessern. Um sich aber zuerst einmal aus dem wirklich unangenehmen und schwächenden Zustand zu befreien, empfiehlt sich eine streng histaminarme Diät für mindestens 3 Monate. In dieser Zeit können Körper und Darm sich erholen und wieder anfangen, normal zu arbeiten. Um die Darmflora wieder ins Gleichgewicht zu bringen, empfiehlt sich eine Darmsanierung bzw. Darmkur mit probiotischen Bakterien. Für sehr akute Fälle, wie ich es damals war, gibt es im Bayerischen Wald eine Klinik für Umwelterkrankungen, die ich sehr empfehlen kann.

In der Zeit der Auslassdiät ist es wichtig, darauf zu achten, dass der Körper alle wichtigen Nährstoffe und Vitamine bekommt. Im Zweifelsfall kann man mit Nahrungsergänzungsmitteln nachhelfen. Auch später, wenn sich der Körper wieder etwas beruhigt hat und man wieder mehr Lebensmittel verträgt, ist es wichtig, auf ausreichend Mineralstoffe und Vitamine zu sorgen: Magnesium, Zink und Kupfer benötigt der Darm für die ordentliche Funktion des Enzyms DAO. Vitamin B und C werden für Synthese von DAO benötigt bzw. fördern den Histaminabbau.

Histaminunverträglichkeit und Schwangerschaft bzw. Stillzeit
In der Schwangerschaft (nach der 12. SSW) verschwindet die Histaminunverträglichkeit in der Regel: die Plazenta produziert zum Schutz des Babys eine wahnsinnig große Menge des Enzyms Diaminoxydase (DAO).
In der Schwangerschaft (nach der 12. SSW) verschwindet die Histaminunverträglichkeit in der Regel: die Plazenta produziert zum Schutz des Babys eine wahnsinnig große Menge des Enzyms Diaminoxydase (DAO).

Dem einen oder anderen ist es vielleicht aufgefallen: Ich spreche im Text über meine HIT in der Vergangenheit. Während ich über die Jahre mit eben beschriebenen Maßnahmen schon eine enorme Verbesserung und ein fast normales Leben erzielen konnte, ist sie mittlerweile ganz verschwunden. Und zwar etwa seit meiner 12. Schwangerschaftswoche. Um das Ungeborene zu schützen, produziert die bis dahin vollständig ausgebildete Plazenta nämlich ein Vielfaches der normalen Menge an Enzymen (DAO), sodass Schwangere ab diesem Zeitpunkt symptomfrei sind. Auch in der darauffolgenden Stillzeit bleibt, vermutlich durch die Hormonumstellung, die Unverträglichkeit meistens aus.

Für mich war das eine wahnsinnig schöne Erfahrung. Zum ersten Mal seit vielen Jahren musste ich im Restaurant nicht mehr das Gericht wählen, das am wenigsten Schaden anrichtet, sondern das, worauf ich am meisten Lust hatte.

Weiterführende Literatur:
  • Johanna Bose: Histaminintoleranz. Eine kurze Einführung – mein Weg durch und aus der Krankheit (ebook bei amazon.de)
  • Nora Hodeige: Histaminintoleranz. Hintergründe verstehen & Zusammenhänge erkennen. Wissenschaftliche Fakten zu Histamin & Histaminintoleranz (eBook erhältlich hier)
  • Sigi Nesterenko: Histaminintoleranz – die unentdeckte Krankheit. (zu amazon.de)

By Johanna

Johanna ist Anfang 30, verheiratet, 1 Kind. Obwohl das Leben ihr schon immer zuzulächeln scheint, ist sie immer noch auf der Suche. Denn vor allem gesundheitlich ist der Weg noch weit.

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