Sekundärer Krankheitsgewinn

12. Dezember 2016

Sekundärer Krankheitsgewinn

Anfangs hatte ich unter den Symptomen der Histaminunverträglichkeit ziemlich zu kämpfen. Am normalen Leben konnte ich eigentlich nur noch peripher teilnehmen – zu oft musste ich mich ausruhen, schlafen, ging es mir einfach nicht gut. Viele Monate später, als es eigentlich schon wieder bergauf ging, stellte ich selbst fest, wie ich noch in diesem Zustand verhaftet war. Erst, als mir selbst klar wurde, welche Vorteile ich daraus habe und wie ich mich mit der Erkrankung identifiziere, wurde langsam wirklich alles besser. Später lernte ich: das war ein sogenannter sekundärer Krankheitsgewinn.

Was ist ein sekundärer Krankheitsgewinn?

Ein Vorteil aus einer Krankheit klingt erst einmal paradox. Ist aber in unserer Zeit immer gegeben. Denn wenn man krank ist, ist es sozial anerkannt, dass man andere Rechte und Pflichten hat, als wenn man gesund ist. Man muss zum Beispiel nicht arbeiten, sich weniger um den Haushalt kümmern oder darf kurzfristig Verabredungen absagen. “Primär” sind dabei alle Vorteile, die direkt der Genesung dienen, also z.B. Bettruhe, Pflege und Medizin.


“Sekundär” sind die Krankheitsvorteile dann, wenn sie aus der Situation des Krankseins entstehen, aber nicht direkt mit deren Genesung zu tun haben. Jemanden, der meine Arbeit für mich erledigt, wenn ich wiederkomme zum Beispiel oder die Möglichkeit, über die An- oder Abwesenheit naher Menschen zu bestimmen.

Es gibt sogar einen tertiären Krankheitsgewinn, wenn nämlich dritte, z.B. die pflegenden Personen, aus der Erkrankung Vorteile ziehen. Dieser kann sein, dass sie nicht arbeiten müssen, eine Ausrede für soziale Aktivitäten haben oder sich durch den Kranken sinnvoll und gebraucht fühlen.

Warum macht uns ein sekundärer Krankheitsgewinn krank?

Unbewusste Flucht in die Krankheit

Dass diese Vorteile so angenehmen sind hat nichts mit der Krankheit zu tun. In der Regel entspricht dieser sekundäre Krankheitsgewinn einem unterbewussten seelischen Defizit, das lange vor der Krankheit in uns war, das der Erkrankte schon lange mit sich herumträgt. Aus irgendeinem Grund haben wir uns jedoch vorher nicht damit befassen können – sei es, weil wir Angst davor hatten, oder weil wir uns des Problems nicht bewusst waren. Auch, wenn dieses Defizit nun mithilfe der Krankheit ausgeglichen wird, geschieht das meist ungewusst.

Dieses Unterbewusstsein lässt uns dann krank  bleiben, wenn das notwendig ist, um gewisse Vorzüge weiterhin zu erhalten. Wenn die Vorteile größer sind, als die Nachteile. Dabei kann es zum Beipsiel um Zuwendung, Rücksicht, Schonung und Abgabe von (sozialen) Pflichten gehen. Genauso aber um Geld (Vorteile aus unserem Sozialsystem)´oder  Macht über nahestehende Personen, die einen unterstützen “müssen”.

Mein sekundärer Krankheitsgewinn

Für mich war der sekundäre Krankheitsgewinn hauptsächlich Rücksichtnahme und Verständnis. Aus meiner Kindheit und meinem bisherigen Leben war ich es gewohnt, mir keine Mittelpunktsrolle zuzugestehen. Ich war immer unkompliziert und “hart im nehmen” gewesen. Natürlich war ich der Meinung, das würde meinem Wesen entsprechen und dass ich mich selbst entschieden hätte, so zu sein. Tief drin wünschte ich mir aber, wie wahrscheinlich die meisten Menschen, dass meine Familie und Freunde mehr Rücksicht auf mich nehmen.

Und genau das konnte ich mit meiner Histaminintoleranz erreichen. Ich war krank, mir ging es oft schlecht. Dadurch mussten sich viele nach mir richten, danach, ob es bei mir gut ging oder nicht. Restaurants wurden danach ausgewählt, ob ich dort etwas auf der Speisekarte finden würde, bei Einladungen wurden die Menüs auf mich abgestimmt. Jeder musste verstehen, wenn ich abends kurzfristig doch nicht mit auf eine Party kam, weil ich von Kopfschmerzen und Übelkeit geplagt war. Gespräche drehten sich häufig um meine Intoleranz, darum, was ich noch essen könnte oder wie viele Kilos ich eigentlich abgenommen hätte.

Ich stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und forderte dies nach einer Weile auch regelrecht ein. Wenn jemand, sicherlich ohne böse Absicht, Tomaten ins Essen mischte, war für mich emotional der Tag gelaufen. Das hätten sie doch wissen müssen, immerhin esse ich schon seit Monaten keine Tomaten mehr! Es konnte gut sein, dass ich in meiner Enttäuschung und Frustration dann demonstrativ gar nichts aß, wodurch sich die Gastgeber natürlich schlecht fühlten.

Dieses Verhalten zog sich mehrere Monate, wenn nicht Jahre so hin. Vor allem von meiner Familie erwartete ich viel Interesse an meinen Beschwerden. Meist mehr, als sie aufbringen konnten.

Nicht mit der Krankheit identifizieren

Wann und warum es bei mir ‘klick’ gemacht hat, kann ich heute nicht mehr sagen. Eines Tages hatte ich jedenfalls genug davon. Mir wurde schleichend bewusst, in welchem Teufelskreis ich mich befinde, dass diese Identifikation mit der Krankheit mich krank hält. Also beschloss ich, strikt zu trennen zwischen den Bedürfnissen durch die Krankheit und Vorteilen, die ich dadurch durchsetzen kann.

Ich beschloss, nicht mehr darüber zu sprechen, wenn es nicht nötig war. Wenn ich nun neue Leute kennenlerne, spreche ich die Intoleranz nicht an, wenn es nicht sein muss. Und wenn es sein muss, dann nur ganz kurz. Ich erkläre die Tatsachen nicht mehr so, dass ich dadurch Mitleid erhalte.

Ich erklärte meinem Mann, dass ich nicht mehr behandelt werden möchte, als sei ich krank und schwach. Dass ich als ganz normaler Mensch behandelt werden möchte, wieder Dinge unternehmen und vorwärts kommen im Leben. Ich möchte mich nicht mehr fühlen wie eine 80-jährige, die auf den Tod wartet.

Wenn ich jetzt mit Freunden essen gehe, dann gehen wir, wohin wir wollen. Niemand kommt mehr auf die Idee, zu fragen, ob ich da was essen kann. Irgendwas finde ich schon auf der Karte, und wenn es nur ein Salat ist, aus dem ich die Hälfte herauspicke, ohne zu murren. Wenn uns jemand zum Essen einlädt, dann soll er kochen, was er möchte. Im Zweifel esse ich wenig und nehme ein paar Tabletten dazu. Oder nehme den Histamin-Kater am nächsten Tag in Kauf.

Denn: Ich bin nicht die Krankheit! Ich habe eine Unverträglichkeit. Sie verursacht unangenehme Symptome. Mehr nicht. Den Rest, also Aufmerksamkeit und Rücksicht, kann ich auch ohne den Intoleranz-Joker bekommen. Indem ich darum bitte. Jedoch stelle ich seitdem auch fest, dass ich diese Dinge immer weniger brauche.

Bewusstmachung als Lösung

Was hat sich verändert seitdem? Mir geht es nicht nur körperlich viel besser. Vor allem mental fühle ich mich nicht mehr in diesem Hamsterrad aus Symptomen und Selbstmitleid gefangen. Ich lebe mit der Unverträglichkeit. Und vor allem: ich lebe.

Wie in so vielen Fällen im Leben ist also Bewusstwerdung die Lösung. Bewusstmachung des sekundären Krankheitsgewinns, der Mechanismen und Bedürfnisse, sodass diese auch ohne Krankheit befriedigt werden können. Auf diesem Weg kann die Krankheit ein wichtiger Schritt hin zu mehr Zufriedenheit und Erfüllung im Leben sein. Wenn man bereit ist, sich letzendlich mit seinen Ängsten und unterbewussten Bedürfnissen auseinanderzusetzen.

By Johanna

Johanna ist Anfang 30, verheiratet, 1 Kind. Obwohl das Leben ihr schon immer zuzulächeln scheint, ist sie immer noch auf der Suche. Denn vor allem gesundheitlich ist der Weg noch weit.

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