Nimm nichts persönlich – Don Miguel Ruiz`emotionales Gift

19. Dezember 2016

Heute morgen hat mir eine Arbeitskollegin erzählt, warum sie momentan aufgewühlt und gestresst ist: Sie hat Probleme mit jemandem, der ihr Projekt kontrollieren soll. Diese Person versucht ihr offensichtlich absichtlich, das Leben schwer zu machen. Mehr, als es ihr Job erfordert und auf eine Weise, die meine Kollegin persönlich nimmt. Kennt ihr solche Situationen? Warum sind manche Menschen so unfair zu uns? Warum beschäftigt uns das so sehr?

Ich kenne das aus meinem Alltag nur zu gut. Meine Laune ist eigentlich gut, in meiner Welt ist alles in Ordnung. Und dann kommt jemand, ohne für mich ersichtlichen Grund, und dreht mit einem Kommentar, mit einer Gemeinheit oder einer pedantischen Handlung alles herum. Plötzlich habe ich dieses unangenehme Gefühl von Ungerechtigkeit, Wut und Hilflosigkeit. Meine Laune ist mies. Ich will am liebsten auch gemein zu jemandem sein. Es jemandem heimzahlen, egal ob derselben Person oder jemand anderem. Dieses Gefühl wieder los werden.


Die naheliegende Lösung ist wohl, diesem Impuls nachzugeben. Das Gefühl loszuwerden, indem man es an jemand anderem auslässt. Vor allem in Beziehungen mit Menschen, die mir wichtig sind, finde ich diese Lösung allerdings nicht zufriedenstellend. Zum Glück haben wir noch eine andere Option.

Don Miguel Ruiz und das “emotionale Gift”

Don Miguel Ruiz nennt den beschriebenen Mechanismus in seinen Büchern “The four Agreements” “eating poison”, also “Gift essen”. Er stellt für diese psychologischen Vorgänge in uns folgendes Bild auf:

Wir alle haben einen physischen und einen emotionalen Körper. Unser emotionaler Körper ist infiziert von Wunden, die irgendwann anfangen, sich zu entzünden. Deshalb ist ein Interagieren auf emotionaler Ebene häufig mit Verletzungen und Schmerzen verbunden. Das alles müsste nicht so sein. Die Wunden verheilen nicht, weil sie mit emotionalem Gift angereichert werden. Dieses entsteht, wenn wir Dinge persönlich nehmen und uns über Ungerechtigkeiten durch andere ärgern.

Wenn wir so voller emotionalem Gift sind, dass wir es nicht mehr aushalten, müssen wir es irgendwie loswerden. Und loswerden können wir es, indem wir es auf jemand anderen übertragen. Wie wir es übertragen? Indem wir die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen auf uns lenken und dann die ganzen schlechten Gefühle, die Hilflosigkeit, die Ungerechtigkeit auf ihn übertragen.

Normalerweise übertragen wir unser Gift auf denjenigen, den wir für die Ungerechtigkeit und die Entstehung des emotionalen Schmerzes verantwortlich machen. In Beziehungen kann so schnell eine Dynamik von gegenseitigen Verletzungen entstehen. In manchen Beziehungen, zum Beispiel zwischen Chef und Angestelltem oder Mutter und Kind, ist jedoch ein Part so viel schwächer, dass er nicht an den anderen herankommt. Ihm bleibt also nur, sich schwächere oder gleichwertige Mitmenschen zu suchen, an den er all das emotionale Gift weitergeben kann. Wir senden also all unseren emotionalen Müll an die Schutzlosen, Schwachen und Kleinen. So entstehen missbräuchliche Beziehungen und dauerhafte seelische Wunden.

Auch wenn wir uns das gerne vormachen, geht es oft nicht um Gerechtigkeit, es geht nicht darum, dass wichtige Regeln eingehalten werden müssen. Wir wollen nur das emotionale Gift, dieses ungute Gefühl und die Hilflosigkeit auf jemand anderes übertragen. Wir wollen uns besser fühlen, weil wir das Gefühl nicht ertragen. Ruhe haben. Am einfachsten ist es da, das Gefühl auf Schwächere abzuwälzen.

Die Lösung: Nimm nichts persönlich

All das passiert meistens ganz automatisch. Und unbewusst. Und genau da fängt die Lösung an: sobald wir uns bewusst werden, was wir tun, können wir anders handeln. Wir haben die Möglichkeit, unsere emotionalen Wunden heilen zu lassen und kein Gift mehr zu erzeugen, das wir weitergeben müssten. Wir können einen Schritt zurücktreten und die Situation reflektiert betrachten. Wir können sehen, wie der andere unter dem emotionalen Druck leidet, wie hilflos er ist und wie er diese Gefühle auf uns übertragen möchte. Und wir können das Gift einfach ablehnen.

Wie wir das Gift ablehnen können? Indem wir das, was der andere sagt oder tut, nicht auf uns beziehen. Nimm nichts persönlich! So lautet eines der “Four Agreements”, über die Don Miguel Ruiz schreibt. Wenn wir uns bewusst sind, dass es nicht um uns geht, sondern um seine eigenen Gefühle, sein eigenes Leben, seine Unzufriedenheit, seine Hilflosigkeit. Wir müssen diese Dinge nicht an uns heranlassen. Wir können uns entscheiden, uns dadurch nicht ungerecht behandelt zu fühlen, uns nicht darüber zu ärgern, ihm die Aufmerksamkeit, die er für das Übertragen des emotionalen Giftes braucht, nicht zu geben.

Wie hilft mir das im Alltag?

Und genau das versuche ich nun in Situationen, in denen fremde Menschen versuchen, ihre schlechten Gefühle auf mich zu übertragen, ihren Ärger an mir auszulassen: Ich erinnere mich, dass das nichts mit mir zu tun hat. Dass mein Gegenüber einfach zu viel schlechte Gefühle, zu viel emotionales Gift in sich hat, um es ertragen zu können. Denn Menschen, denen es gut geht, die innerlich zufrieden und ausgeglichen sind, die voller Liebe und positiver Gefühle sind, reagieren anders. Sie haben kein Interesse daran, mir das Leben schwer zu machen oder die Ursache zu sein, dass ich mich schlecht fühle. Je nach Situation verspüre ich sogar so etwas wie Mitleid mit der Hilflosigkeit und Wut, die ich im Gegenüber deutlich erkennen kann. Ich erinnere mich daran, wie viel Glück ich habe, nicht von solch negativen Gefühlen übermannt zu werden, dass ich einen Weg habe, ohne andere Menschen mit hineinzuziehen.

Natürlich gelingt mir das nicht immer. Manchmal kommt mein Mann nach Hause und ich habe wegen irgend etwas wahnsinnig schlechte Laune. Er merkt das natürlich und ich merke es auch. Doch bevor ich auch nur daran denken kann, ihn da mit hinein zu ziehen, sage ich ihm einfach, wie es mir geht. Und dass das nichts mit ihm zu tun hat oder mit irgendetwas, was er tut. Weil daraufhin meist eine sehr verständnisvolle und liebevolle Reaktion von ihm kommt, geht es mir häufig schon gleich etwas besser.

Don Miguel Ruiz: The Four Agreements

The four agreements“The four Agreements” besteht aus drei Bänden und ist ursprünglich auf Englisch erschienen. Wer Englisch gut versteht, dem würde ich die Lektüre auch in dieser Sprache empfehlen. In der deutschen Version klingt vieles leicht übertrieben und pathetisch, was in der Originalversion sehr flüssig und logisch erscheint.

Wie mir die Bücher von Don Miguel Ruiz in einer schwierigen Situation im Leben weitergeholfen, ja wahrscheinlich sogar meine Beziehung zu dem Mann gerettet haben, der heute mein Ehemann und Vater meines Kindes ist, habe ich ja schon beschrieben.

Wenn ihr also selbst das Gefühl habt, dass sich euer Leben im Kreis dreht, ihr in schlechten Beziehungen und Gewohnheiten verhaftet seid und alleine keinen Ausweg seht, kann ich die Bücher nur empfehlen. Zum richtigen Zeitpunkt gelesen schienen mir die Worte von Don Miguel Ruiz wie eine leuchtende, und vor allem simple Wahrheit in der Dunkelheit.

 

By Johanna

Johanna ist Anfang 30, verheiratet, 1 Kind. Obwohl das Leben ihr schon immer zuzulächeln scheint, ist sie immer noch auf der Suche. Denn vor allem gesundheitlich ist der Weg noch weit.

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